„Herzensfach" Latein

Offenbach Post vom 18.10.2014

Von Lena Marie Jörger

OBERTSHAUSEN  ■  Schwungvoll zieht Jürgen Kaminski die Tür hinter sich zu. „Salve te discipuli" schallt es durch das kleine Klassenzimmer im ersten Stock der Georg-Kerschensteiner-Schule (GKS). „Salve magister", murmeln seine acht Schüler zurück. Man hört, dass Freitagmorgen ist.

Auf dem Stundenplan der neun Schüler des beruflichen Gymnasiums steht Latein bei Lehrer Kaminski. Was viele nicht vermuten würden: Die Jugendlichen sind freiwillig in dem Kurs. Erst seit diesem Schuljahr bietet die GKS zusätzlich zu Spanisch, Französisch und Italienisch Latein als zweite Fremdsprache an. „Wir haben gemerkt, dass die Nachfrage immer größer wurde", erläutert Schulleiter Dirk Ruber. Latein liege im Trend, habe er festgestellt. „Latein ist die Wissenschaftssprache, das haben auch viele Eltern erkannt."

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, entschloss sich die Schulleitung dazu, eine Latein-Lemgruppe einzurichten. Schüler, die vorher schon vier Jahre lang Lateinunterricht hatten, können so nach nur einem weiteren Jahr das Latinum machen. Ein geeigneter Lehrer war schnell gefunden: Jürgen Kaminski, vorher Lehrer für Latein, Erdkunde, Ethik und Politik und Wirtschaft an der Albert-Schweitzer-Schule in Offenbach. Seit August ist der 62-Jährige pensioniert. „Ich hatte aber Lust, noch ein bisschen was zu machen", sagt er. Über einen Freund erfuhr er von den Überlegungen der GKS-Leitung - und bekam den Job.

„Latein ist mein Herzensfach", schwärmt der Offenbacher. Viele seiner Schüler dürften das anders sehen. Kaminski weiß das. „Ich achte darauf, wo die Schüler Lücken haben und wiederhole die entsprechenden Themen", sagt er. Man merkt, wie viel ihm an seinen Schülern hegt. „Ich werde ihnen schon Brücken bauen", deutet er an und schmunzelt. Das macht er auch im Unterricht immer wieder. An diesem Vormittag lässt er die Schüler übersetzen: eine Biografie des antiken Feldherren Hannibal. Dann und wann nimmt Kaminski seine Lesebrille ab, unterbricht Kaminski seine Schützlinge, erläutert Satzstruktur und Verbformen.

Lateinunterricht sei eine gute Vorbereitung auf das Studium, davon ist Kaminski überzeugt. Außerdem sei der Kurs, der vier Wochenstunden umfasst, für Schüler, die den Schwerpunkt Gesundheit gewählt haben, eine gute Ergänzung. Das merkten auch einige der Jugendlichen
- etwa Julie Becker und Niklas Macheridis. Beide wollen später Medizin studieren. „Bevor ich das Latinum an der Uni nachholen muss, mache ich es lieber jetzt", sagt Macheridis.

Anders als er will Henri Wiesehügel „definitiv nicht Medizin" studieren. „In der siebten konnte ich zwischen Latein und Französisch wählen", erzählt er. „Latein kam mir damals irgendwie leichter vor - ist es aber nicht." Alle lachen, auch Jürgen Kaminski. „Ihr dürft nicht gleich zusammenbrechen, wenn ihr mal eine Form nicht kennt", mahnt er. Für ihn selbst mache vor allem die Mischung aus Sprache, Analyse der Grammatik und historisch-philosophischen Inhalten den Reiz am Lateinischen aus. Er überlegt schon - wenn auch nicht ganz ernst gemeint - was er an der GKS noch so alles unterrichten könnte. „Etwa die Hälfte aller Fremdwörter in der Medizin
kommt aus dem Lateinischen, der Rest aus dem Griechischen." Das Graecum hätte er ja...