Das Leben ist schön- trotzdem!

Am Ende der Veranstaltung saß ich einfach nur noch da, inmitten meiner Mitschüler, die sich zögerlich erhoben, leise miteinander tuschelten und von denen etliche sicherlich, genau wie ich, über das nachdachten, wovon wir gerade gehört hatten: von angsterfüllten Erlebnissen, tragischen Begebenheiten, schmerzhaften Verlusten. Und das alles in einem einzigen, kurzen Lebensabschnitt einer jungen Frau, die zu dem Zeitpunkt, zu dem ihr das alles widerfuhr, nur wenig älter war als wir, die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 13 des beruflichen Gymnasiums.

Wenn ich aufschaute, sah ich die Erzählerin ihrer eigenen Lebensgeschichte vor mir. Zwei Stunden stand sie mit ihren 95 Jahren am Mikrofon unserer Aula und versuchte, uns das Leben einer Jüdin im von den Nazis besetzten Holland, die einige Male nur knapp dem Tod entronnen ist, zu vermitteln.



Frau Betty Bausch-Polak hat am 12. November 2014 als Zeitzeugin und Überlebende des Holocaust und des 2. Weltkriegs die Mühe auf sich genommen und ist in unsere Georg-Kerschensteiner-Schule in Obertshausen gekommen.

Als Hitler die Macht an sich riss, war sie 14 Jahre alt. Seine Worte drangen in das bis dahin friedliche und wohlbehütete Leben von Betty und ihren Geschwistern, sie beunruhigten die Menschen und der jungen Betty war schon damals bewusst, dass auch Worte töten können. In Amsterdam erlebte sie mit ihrer Familie, wie die Niederlande von den Deutschen eingenommen wurde. Kurz vor ihrem Abschluss an einer Gartenbauschule wurde sie trotz der Bemühungen des Schulleiters als Jüdin der Schule verwiesen. Er bot ihr seine Hilfe an, falls sie je in Gefahr sein sollte. Er und weitere Menschen riskierten in der folgenden Zeit ihr Leben, um Betty zu helfen, denn sie lebte von dem Tag an mit falschen Identitäten und in steter Angst vor den Deutschen. Mit gefälschten Papieren entgingen sie und ihr Mann- die beiden hatten im Dezember 1939 geheiratet- dem Schicksal ihrer Geschwister und Eltern, die in verschiedene Konzentrationslager deportiert wurden. Zwei Geschwister überlebten, ihre Eltern nicht, ihren Mann richtete man hin, nachdem man ihn grausam misshandelt hatte.

Betty Bausch und ihre Schwester schrieben viele Jahre später ihre Erlebnisse in ihrem Buch „Bewegtes Schweigen“ nieder. Es sind zwei völlig unterschiedliche Geschichten darüber, wie jede von ihnen den Holocaust überlebte.

Frau Bausch- Polak ließ am Ende der zwei Stunden, die wie im Fluge vergingen, die Schüler ebenfalls mit einem bewegten Schweigen zurück, man konnte förmlich die Emotionen spüren, die keiner von uns wirklich in Worte fassen konnte. Unser Schulsprecher Martin Birdi beschrieb das, was er gehört hatte, in seiner Danksagung treffend als „einfach unglaublich“.



Betty Bausch war gekommen, um ihre Geschichte und die vieler Juden an uns weiterzugeben, damit nichts in Vergessenheit gerate. Gebracht hat sie uns aber noch viel mehr als eine Geschichte: nämlich das Gefühl von Dankbarkeit, überlebt zu haben. Diese Dankbarkeit ist ihr mit ihrer positiven Ausstrahlung und ihrem strahlenden Lachen ins Gesicht geschrieben. Trotz ihrer furchtbaren Erlebnisse hat sie nichts von ihrem Humor, ihrer Lebensfreude und ihrer Zuversicht verloren. Sie hat es geschafft, in jedem Zuhörer die Sonne aufgehen zu lassen und das mit einer Geschichte, die so dunkel ist wie die dunkelste Nacht.

Diese bewundernswerte Frau hat ihre finsteren Jugenderlebnisse in einer Art und Weise an uns weitergereicht, dass sie für mich den Wert des Lebens ganz neu definiert hat. Frau Bausch- Polak ist, wie ich finde, ein nachahmenswertes Beispiel und Vorbild an Lebensmut, Toleranz und persönlichem Engagement für die Überwindung von Vorurteilen und Diskriminierung jeglicher Art.